Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

 Das Oral-History Projekt „Aufbau demokratischer Strukturen und Medien- und Pressefreiheit in der Transformationszeit nach 1989/1990" findet seinen erfolgreichen Abschluss.

Seit Mitte 2020 führten wir mit Akteuren und Akteurinnen der Friedlichen Revolution und der Transformationszeit Zeitzeugengespräche durch. Im Fokus standen dabei nicht nur die Friedliche Revolution und das Ende der DDR, sondern auch die errungene Meinungs- und Pressefreiheit und der Aufbau demokratischer Strukturen. Neben den vielen Initiativen und Parteien, die sich neu gründeten um die Gesellschaft mitzugestalten, gab es auch über 100 Zeitungsneugründungen.

Wie kam es zu diesem Engagement des Einzelnen und worin bestand es? Wie ging es nach dem Machtverlust des SED-Regime im bald gesamtdeutschen Staat weiter?

Diese und weitere Fragen stellten wir einer Reihe von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Die Ergebnisse der Gespräche sind in ganzer Länge im Archiv einzusehen, zu hören und fast immer auch nachzulesen. Ein kleiner Ausschnitt aus den Gesprächen findet sich seit Dezember 2020 online hier auf unserer Homepage.

Das Archiv Bürgerbewegung Leipzig und unserer Projektverantwortlicher Georg Wellbrock danken allen Zeitzeugen und Zeitzeuginnen für ihre Bereitschaft sich vor der Kamera an ihr Leben und die Zeit um und nach 1989/1990 zu erinnern. 

Wir wünschen allen Besuchern der Website spannende Entdeckungen und neue Erkenntnisse. Bei Anfragen zu den Nutzungsmöglichkeiten senden Sie uns gern eine Mail.

 

Norbert Meißner
wird 1954 in Stendal geboren und wird nach der Flucht seiner Eltern in der Bundesrepublik groß. Er studiert 1982 Experimentalfilm und Video an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK Braunschweig), wo er 1983/84 seinen Abschluss als Meisterschüler macht. Er bleibt dem bewegten Bild verbunden und leitet von 1990-1994 als Mitbegründer den Piraten-Fernsehsender "Kanal X" in Leipzig, im Haus der Demokratie Leipzig (HdDL). Später ist er in Ausbildungsprojekte wie Medienpraktiker eingebunden, wird Mitgründer der Fernsehakademie Mitteldeutschland (F.A.M.).

 

Ingolf Sonntag
wird nach seiner Geburt 1947 in Leipzig groß. 1966 macht er seinen Abschluss als Chemiefacharbeiter und ist danach für KlB (Konstruktions- und Ingenieurbüro) Chemie Leipzig und Technische Gase Leipzig tätig. Bis 1989 ist er bei dem DDR-Betrieb VTA (Verlade- und Transportanlagenbau) Leipzig tätig.

Mit dem demokratischen Aufbruch 1989 wird er Mitglied der Deutschen Sozialen Union (DSU), deren wirtschaftspolitischer Sprecher und Abgeordneter im Stadtrat Leipzig.

 

Ralph Grüneberger
wird 1951 in Leipzig geboren. Nach einer Ausbildung im VEB (Volkseigene Betriebe) Buchbindereimaschinenwerke Leipzig studiert er 1978 bis 1982 am Literaturinstitut Leipzig und wird freiberuflicher Schriftsteller. Texte und Veröffentlichungen von ihm werden teilweise nicht genehmigt, sein Antrag auf Mitgliedschaft im Schriftstellerverband ausgesetzt. 1989 wird er Mitglied von "Demokratie Jetzt" (DJ). 1990 wird Ralph Grüneberger Pressesprecher für das Kulturamt der Stadt Leipzig, danach Sachgebietsleiter. Nebenbei setzt er seine Arbeit als Schriftsteller fort. Zuletzt erschien 2020 der Roman "Herbstjahr" - zur Friedlichen Revolution 1989 in Leipzig.

 

 

Frank Pörner
wird 1950 in Pöhl (Vogtland) geboren, wo sich heute statt der Siedlung die gleichnamige Talsperre befindet. Er kommt 1968 zum Studium nach Leipzig und wird 1973 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er erlebt die ersten Friedensgebete ab 1981 in der Nikolaikirche mit und begleitet über die folgenden Jahre als Kirchenvorstandsmitglied die Veranstaltungen verschiedener kirchlicher Basisgruppen. 1989 engagiert sich Frank Pörner im Neuen Forum. Für das Bürgerkomitee der Stadt Leipzig wird er in der Kontaktstelle für Anliegen aus der Bevölkerung tätig. Ab 1990 wird Frank Pörner Sprecher am Runden Tisch und Stadtrat. Bürgermeister Hinrich Lehmann-Grube ernennt ihn zum Personalamtsleiter der Stadtverwaltung Leipzig.

 

 

Reiner Tetzner
wird nach seiner Geburt 1936 in Neukirchen (bei Chemnitz) groß. Er beendet 1953 seine Lehre als Maschinenschlosser. In Leipzig studiert er ab 1956 Philosophie und im Nebenfach Physik, ab 1961 wird er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach seiner Promotion 1966 wird er 1975 freischaffender Autor.

Er erlebt den 5. und 9. Oktober 1989 hautnah, schreibt später über seine Eindrücke mehrere Bücher. Er betätigt sich 1990 kurzzeitig als mobiler Buchverkäufer in der Leipziger Innenstadt, wo die ersten Publikationen zu den Montagsdemonstrationen reißenden Absatz finden. Von 1995 bis 2001 ist Reiner Tetzner Gründungsmitglied und Vorsitzender des Sächsischen Literaturrats und viele Jahre Vorsitzender des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie.

 

Christoph Korth
wird 1953 in Leipzig geboren. Nach Abschluss seiner Lehre 1972 beginnt er ein Ingenieurwissenschaftliches Studium, und arbeitet ab 1982 für Ingenieurbau Leipzig. Er lebt in Taucha und ist im Rahmen der evangelischen Kirche seit 1987 in der Umweltgruppe Taucha aktiv.

1989 wird er Mitbegründer des Neuen Forum Taucha, von 1990 bis 1994 Abgeordneter im Landkreis Leipzig. Den Verein für ökologisches Bauen Leipzig gründet er 1992 mit.

 

 

Rolf-Michael Turek
wird 1949 in Leipzig geboren. Er erlebt 1968 während des Prager Frühling als Wehrdienstleistender die Verlegung von NVA-Truppenteilen in Richtung CSSR - ein Erlebnis, das sein Leben verändert. 1972 beginnt er ein Theologiestudium und stärkt ab 1980 als Berater die gruppenorientierte Gemeindearbeit. 1984 wird er an der Markuskirchgemeinde in Leipzig-Reudnitz Pfarrer und unterstützt die Arbeit kirchlicher Basisgruppen. Seine Gemeinderäume werden wichtiger Anlauf- und Begegnungsort für Leipziger Oppositionsgruppen. Nach 1990 wird Rolf-Michael Turek Moderator des Ökumenischen Arbeitskreises „Recht und Versöhnung“, an dem auch ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit teilnehmen. Außerdem begleitet er die weiter andauernden Montagsgebete in Leipzig.

 

 

Henning Schluß
wird 1968 in Halle/Saale geboren und wächst in Dessau auf. Die Widersprüche zwischen Ideologie und Wirklichkeit werden für ihn immer offensichtlicher. Während seiner Lehrzeit als Elektroniker tritt er aus der FDJ aus und inszeniert mit anderen Lehrlingen politische Fabeln. Auch zum nicht genehmigten Straßenmusikfestival 1989 in Leipzig gestaltet er als Teil einer Theatergruppe aus Quedlinburg einen schauspielerischen Beitrag - und wird im Anschluss verhaftet. Seinen Militärdienst und auch den Dienst bei den Bausoldaten verweigert er. Statt dessen beginnt er, unterstützt vom Sozialen Friedendienst der DDR (SoFD), in den Neinstedter Anstalten 1988 einen zivilen Ersatzdienst, der in den letzten Tagen der DDR tatsächlich anerkannt wird. Henning Schluß wird 1989 Mitglied des Neuen Forum Dessau und Quedlinburg bis er zum Studium nach Berlin zieht. Er lebt und arbeitet heute in Wien und Berlin.

 

Brigitte Moritz
wird 1954 in Neustadt/Sachsen in einem Pfarrerhaushalt geboren. Sie studiert von 1971 bis 1975 am Theologischen Seminar Leipzig und wird Religionspädagogin. Als Gemeindehelferin ist sie in evangelischen Kirchengemeinden tätig und engagiert sich seit 1982 für die Bürgerrechtsbewegung in Leipzig.

1990 wird sie Mitglied im Bündnis 90 und ist bis 1999 als Abgeordnete im Stadtrat von Leipzig. Von 1993 bis 2019 ist sie Geschäftsführerin der RAA Leipzig – Verein für interkulturelle Arbeit, Jugendhilfe und Schule e.V.

 

Matthias Grimm-Over
wird 1960 in Glauchau/Sachsen geboren. Er macht 1978 seinen Abschluss als Feinmechaniker im VEB Carl Zeiss Jena. Nach einem diakonischen Jahr 1978 studiert er bis 1983 Gemeindepädagogik in Berlin-Postdam und wird danach als Kreisjugendwart zunächst nach Lauchhammer, später Torgau berufen.

1989 wird er Sprecher des Neuen Forum Torgau. Er organisiert demokratische Partizipationsmöglichkeiten, wie das Bürgerforum Torgau, mit. Ab 1992 wird er Stadtrat und Kreistagsabgeordneter für die CDU. Noch heute ist er Referent für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familie im Kreis Torgau-Delitzsch.

 

Christian Scheibler
wird 1952 in Leipzig geboren. Er erlebt als Mitglied des Thomanerchores den Ausschluss zweier Mitschüler, weil diese bei der Sprengung der Universitätskirche 1968 anwesend sind. Mit der wachsenden ideologischen Einflussnahme des Staates droht auch ihm 1969 der Ausschluss, als er die Mitgliedschaft in der FDJ ablehnt. Er findet im Chor neue Freunde, die Samisdat lesen und verbotene Literatur abschreiben. Sein Fluchtversuch 1971 über die rumänische Grenze scheitert, sein Ausreiseantrages verhindert den planmäßigen Studienabschluss. Er arbeitet ab 1976 als Ingenieur und findet gleichgesinnte Kollegen - "sonst hätte ich es nicht ausgehalten" sagt er rückblickend. Auf seinen Reisen nach Osteuropa fotografiert Christian Scheibler mit seiner Kamera die Lebenswirklichkeit des Sozialismus und hält darüber Dia- und Filmvorträge. Mitte der 1980er Jahre engagiert er sich in der Friedensbewegung gegen frühmilitärische Kindererziehung. 1989 wird er Mitbegründer des "Demokratischen Aufbruchs" (DA) und als Beauftragter des Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube Sprecher am Runden Tisch. Als Amtsleiter für "Aufbau, Leitung allgemeine Dienste, Organisation und IuK" (Hauptamt) begleitet er den Aufbau einer demokratischen Verwaltung.

 

Jan Peter
wird 1968 in Merseburg geboren, in einer von Chemieindustrie und zerstörter Umwelt geprägten Welt. Als Kind erlebt er 1978 von seinem Neubaublock aus einen tödlichen Pogrom gegen zwei kubanische Vertragsarbeiter. Dieses starke Auseinanderklaffen zwischem ideologischem Anspruch und Wirklichkeit lässt ihn viele kritische Fragen stellen - auch dem damaligen Merseburger Stadtjugendpfarrer Lothar König. Über die Junge Gemeinde lernt er Gleichgesinnte kennen, gründet die Schülerband "Auf eigene Gefahr" und gerät immer stärker in Konflikt mit seinen Eltern und dem Staat - "Druck erzeugt Gegendruck" sagt er rückblickend. 1987 kommt er auf der Suche nach mehr Freiheit nach Leipzig, wird Teil der "Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua" und engagiert sich bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche. 1989 wird er Mitglied des Neuen Forums und verantwortlicher Redakteur der "Informationsblätter" dieser neuen Bürgerbewegung. Im Januar 1990 gründet er die "DAZ" – "Die Leipziger Andere Zeitung", welche bis April 1991 erscheint. Er arbeitet heute als Regisseur und Autor.

 

 

 

Diese Videos und andere Bestände können nach Anmeldung von Wissenschaftler:innen, Schüler:innen und interessierte Bürger:innen kostenfrei im Archiv eingesehen werden.

 


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